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Das ist mir zu vage

Ein Text muss nicht immer komplett unverständlich sein, um seine Wirkung beim Leser zu verfehlen. Es genügt bereits eine Häufung von Vagheitsausdrücken, die den Sinn eines Textes ins Nebulöse abgleiten lassen.

Vagheit in medizinischen Texten

Auf der Homepage von Prowitec (Link [1]) bin ich neulich auf eine Untersuchung medizinischer Texte gestoßen [2]. In ihrem Artikel zitiert die Autorin Ines-A. Busch-Lauer einen Text aus dem Journal Klinikarzt [3], den ich hier gekürzt wiedergebe:

  • Dem nephrotischen Syndrom liegen beim Erwachsenen unter anderem verschiedene idiopathische Glomerulonephritisformen zugrunde. Die Entstehungsmechanismen sind nicht vollständig aufgeklärt und die gegen die Krankheitsursache gerichteten Therapien sind dementsprechend unspezifisch. In der Regel bestehen sie aus der Gabe von Immunsuppressorien. (…) Die Erkrankungsrisiken des nephrotischen Systems und die stark geminderte Lebensqualität der Patienten werden (…) entsprechende Therapieversuche, die in nicht wenigen Fällen zumindest zur Teilremission führen, immer wieder unumgänglich machen bzw. rechtfertigen.

Warum medizinische Texte nicht verstanden werden

Der Text ist bestimmt sachlich richtig. Die Länge der Sätze ist in Ordnung – nur der letzte Satz hat über 30 Worte und ist etwas schwer zu lesen. Abgesehen von den notwendigen Fachbegriffen Glomerulonephritis und Immunsuppressor benutzen die Autoren einfache und gängige Worte. Eigentlich sollte dieser medizinische Text gut verständlich sein.

Medizinische Texte: unklare und vage Worte

Der Text lässt bei mir ein unsicheres Gefühl zurück – der Inhalt wird mir nicht wirklich klar. Warum? Es liegt an der Vielzahl der „Vagheitsausdrücke“. Ein Vagheitsausdruck ist ein Wort (oder eine Formulierung), dessen Bedeutung per se ungenau ist, verschiedene Interpretationen zulässt oder auf Informationen verweist, die im Text nicht genannt werden (z. B.: unter anderem). Hier noch einmal das Textbeispiel, die Vagheitsausdrücke in fett:

  • Dem nephrotischen Syndrom liegen beim Erwachsenen unter anderem verschiedene idiopathische Glomerulonephritisformen zugrunde. Die Entstehungsmechanismen sind nicht vollständig aufgeklärt und die gegen die Krankheitsursache gerichteten Therapien sind dementsprechend unspezifisch. In der Regel bestehen sie aus der Gabe von Immunsuppressorien. (…) Die Erkrankungsrisiken des nephrotischen Systems und die stark geminderte Lebensqualität der Patienten werden (…) entsprechende Therapieversuche, die in nicht wenigen Fällen zumindest zur Teilremission führen, immer wieder unumgänglich machen bzw. rechtfertigen.

Hochdosiert ein Verständlichkeitskiller

Vagheitsausdrücke in wissenschaftlichen und medizinischen Texten vermindern die Verständlichkeit.

Vagheitsausdrücke in Medizintexten.

Gegen jeden einzelnen dieser Vagheitsausdrücke ist nichts einzuwenden: Natürlich kann man mit unter anderem andeuten, dass es noch weitere Ursachen für das nephrotische Syndrom gibt. Selbstverständlich kann man mit entsprechend auf einen vorausgehenden Satz verweisen.

Aber: Es ist eine Dosisfrage. Bei 9 Vagheitsausdrücken in nur 4 Sätzen wirken diese Vagheitsausdrücke als Verständlichkeitskiller – die Aufmerksamkeit des Lesers driftet mit jedem dieser Ausdrücke weiter ab. Am Ende bleibt nicht mehr genug, um diesen medizinischen Text zu verstehen.

Fazit: So vermeiden Sie vage Worte in Ihrem medizinischen Text

Vermeiden Sie eine Häufung der folgenden Vagheitsausrücke; prüfen Sie bei jedem dieser Ausdrücke, ob Sie sich nicht genauer ausdrücken können:

  • unter anderem in medizinischen Texten: Können Sie das konkretisieren? Beispiel: … liegen neben infektiösen Ursachen idiopathische Glomerulonephritisformen zugrunde ...
  • nicht vollständig aufgeklärt in medizinischen Texten: Können Sie die Bandbreite einengen? Sind die molekularen Grundlagen unbekannt oder die konkreten Erreger?
  • in der Regel in medizinischen Texten: Bezieht sich das auf Patientenzahl? Bei den meisten Patienten …
  • entsprechende Therapieversuche in medizinischen Texten: Was spricht gegen den konkrteten Namen? Therapie mit …
  • in nicht wenigen Fällen in medizinischen Texten: Meinen Sie fast 100 %, 75 % oder 50 %?

[1] PROduktion WIssenschaftlicher TExte mit und ohne Computer (Prowitec)

[2] Ines-A. Busch-Lauer. Schreiben in der Medizin – Eine Untersuchung anhand deutscher und englischer Fachtexte. In: Jakobs, Eva-Maria/ Knorr, Dagmar (Hrsg.) (1997): Schreiben in den Wissenschaften. Peter Lang Verlag: Frankfurt/Main. (Link)

[3] Klinikarzt (1995/12, 635).

Mehr Beispiele für Verständlichkeitskiller im Paper-Protokoll.

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