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Der erste Satz

Wie wichtig ist der erste Satz eines Textes? In der Literatur wird der schönste erste Satz regelmäßig prämiert: Grass, Kafka und Lenz waren unter den Preisträgern. Auch Journalisten doktern intensiv am Einstiegssatz herum, denn oftmals entscheidet bereits der erste Satz, ob der Leser bleibt oder nicht.

Die Relevanz im ersten Satz des Papers: General Topic

Und bei einem Research Paper? Der erste Satz der Introduction sollte das übergeordnete Thema wiedergeben, das General Topic. Das General Topic setzt den Rahmen, es erklärt welche grundlegende Bedeutung die Publikation hat. Diese grundlegende Bedeutung kann sein:

  • Medizin: meist die Erkrankung, für die neue diagnostische oder therapeutische Verfahren entwickelt werden sollen
  • biologische Grundlagenforschung: grundlegende Funktion oder Bedeutung eines Moleküls, einer anatomischen Struktur oder eines biologischen Mechanismus

Das General Topic nennt also die übergeordnete Bedeutung eines Forschungsprojektes, also die Relevanz des Papers.  Es holt dabei weiter aus, als das der Abstrcat aufgrund des limitierten Word counts überhaupt kann.

Elena D. Kallestinova schreibt in ihrem Artikel in dem Yale Journal of Biology and Medicine zum General Topic:

  • „Establish a research territory – Show that the general research area is important, central, interesting, and problematic in some way.“

General Topic – das ist meist der erste Satz, selten auch die ersten zwei Sätze der Introduction. Die Frage lautet nun: Wie schreibt man ein besonders gutes General Topic?

Am Textanfang die Relevanz verdeutlichen, ohne beliebig zu klingen

In einem Paper aus dem Bereich Medizin kann man im General Topic die Relevanz verdeutlichen, indem man die Häufigkeit, die Schwere oder die grundlegenden Charakteristika einer Erkrankung nennt – gute und gängige Möglichkeiten, einen Text zu beginnen und den ersten Satz eines medizinischen Papers zu schreiben.

Jedoch haben sich im Lauf der Zeit in der Medizin für jede Indikation Standard-Anfangssätze herausgebildet, die eben die Häufigkeit, die Schwere oder die grundlegenden Charakteristika einer Krankheit herunterbeten, ganz gleich, wie der Text dann weitergeht – quasi das General Topic von der Stange. Das ist zwar die schnellste Möglichkeit, den Einstiegssatz für die Introduction zu formulieren, aber nicht die beste.

In einer völlig ungeplanten und unsystematischen PubMed-Suche habe ich zum Beispiel ein paar Anfangssätze aus Papern herausgesucht, die etwas mit der Multiplen Sklerose (MS) zu tun haben:

  1. Multiple sclerosis (MS) is a chronic inflammatory demyelinating disease and the leading cause for disability in young adults.
  2. Multiple sclerosis (MS) is a progressive inflammatory and chronic demyelinating neurodegenerative disease of central nervous system (CNS).
  3. Multiple sclerosis (MS) is a chronic demyelinating disease of the central nervous system (CNS).
  4. Multiple Sclerosis (MS) is one of the demyelinating disorders of the central nervous system (CNS).
  5. Multiple sclerosis (MS) has been defined as an autoimmune disease of the central nervous system (CNS).

Man sieht: Diese General Topics sind austauschbar und beliebig. Beliebigkeit ist ein schlechter Einstieg in einen Text, denn der Leser erwartet dann auch ein beliebiges, also langweiliges Paper.

Textanfang Medizin: Oft zu ‚general’, aber zu wenig ‚topic’

Die Liste der MS-Einstiegssätze ließe sich beliebig fortsetzen. Fast jedes Paper zum Thema MS beginnt mit einem solchen austauschbaren Satz. Der Leser wird in keinster Weise auf das wirklich Spannende vorbereitet, nämlich dass es in einem Paper um molekulare Veränderungen während der Pathogenese geht [1], in einem anderen Beispiel um diagnostische Marker zur Früherkennung der MS [2] und in anderen Beispielen um Nahrungsergänzungsmittel [3] oder neue Therapien [4, 5] – diese Aspekte hätten die wirkliche Relevanz des Forschungsgebietes verdeutlicht. Sie hätte der Leser am Textanfang erfahren sollen.

Stattdessen erfahren wir in diesen Einstiegssätzen lediglich Dinge, die jeder Medizinstudent bereits in den ersten Semestern lernt – die Gefahr ist groß, den Fachleser an dieser Stelle zu langweilen. Wie gesagt: Beliebigkeit oder Langeweile ist kein guter Einstieg in einen Text.

Das Zielpublikum beim Textanfang beachten: allgemein (general) und doch spezifisch (topic)

Wie geht es also besser? Die Kunst ist, beides unter einen Hut zu kriegen: Auf der einen Seite sollte man ganz allgemein die Relevanz des Themas verdeutlichen, indem man die dem Forschungsprojekt zugrunde liegende Erkrankung nennt (‚general‘: es geht um MS). Auf der anderen Seite sollte man dem Leser eine Ahnung vermitteln, was das spezifische Thema der Arbeit war (‚topic‘). Wie viel man zu dem allgemeinen Thema MS erklärt, hängt vom Zielpublikum ab.

Textanfang für die Zielgruppe Neurologie

Einem Neurologen muss man MS nicht erklären. Hier kann man MS einfach nennen und sich dann auf das eigentliche Thema konzentrieren. Hier drei Anfangssätze aus MS-Publikationen eines neurologischen Journals:

  • XY has been safely used to treat multiple sclerosis (MS) patients for almost two decades.
  • Mobility impairment is common among patients with multiple sclerosis (MS), and walking difficulty is often considered the most challenging aspect of the disease.
  • Intrathecal immunoglobulin G (IgG) production is a hallmark of multiple sclerosis (MS).

Der Textanfang eines Papers aus der Medizin sollte die Relevanz der Forschnung verdeutlichen.Diese wahllos herausgegriffenen Anfangssätze nennen sowohl die Erkrankung MS als auch das spezifisches Thema der Publikation: das Medikament XY, die Behandlung des spezifischen Symptoms ‚walking difficulties‘ und IgG als diagnostischer Marker. So wird das Interesse des Fachlesers geweckt, er wird gut eingestimmt.

Textanfang für die Zielgruppe Allgemeinmediziner

Eine etwas genauere Beschreibung der Erkrankung ist jedoch notwendig, wenn der Artikel in einem allgemeinmedizinischen oder naturwissenschaftlichen Journal publiziert werden soll. In dem folgenden Beispiel wurde eine kurze Beschreibung der Erkrankung mit dem genauen zellbiologischen Thema kombiniert – und der Satz ist trotzdem nicht zu lang:

  • Multiple sclerosis (MS) is an immune-mediated disease of the central nervous system where macrophages and T-cells infiltrate the brain and induce widespread demyelination.

Das Beispiel zeigt: Es geht. Man kann das grundlegende ‚General’, also eine kurze Beschreibung der Erkrankung, mit dem spezifischen ‚Topic’ kombinieren. So schreibt man einen guten Einstieg in ein medizinisches Paper.

Fazit

Nennen oder beschreiben Sie am Textanfang die Erkrankung, um die Relevanz zu verdeutlichen und so das Interesse des Lesers zu wecken. Geben Sie aber zugleich die spezifische Richtung des Artikels vor – der Leser möchte gleich zu Beginn der Lektüre den Sachverhalt einordnen können, sodass er entscheiden kann, ob das Paper für ihn von Bedeutung ist. Dies alles in einem einzigen prägnanten Satz zu kombinieren, – das muss ich zugeben – ist nicht leicht, sondern The Art of Scientific Writing.

In der Schreibanleitung für Paper aus der Medizin erfahren Sie mehr zum General Topic.Kleine Anmerkung: Wann im Schreibprozess kümmert man sich ums General Topic? Wann stellt man all diese Überlegungen an?

Im Paper-Protokoll habe ich es so erklärt: Zu Beginn des Schreibprozesses, in der ersten Schreibphase, erstellt man ein Konzept zur geplanten Publikation. Hier überlegt man, was das Zielpublikum ist und in welchem Journal man veröffentlichen möchte.

In der zweiten Schreibphase, wenn es um die Gliederung der Introduction geht, formulieren Sie dann das General Topic. Das General Topic soll sich nahtlos in die anderen Argumentationsschritte der Introduction einfügen. Welche das sind, erfahren Sie hier: Link zum Inhaltsverzeichnis des Paper-Protokolls.

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