Forschen . schreiben . publizieren – Praxisnahe Bücher zum wissenschaftlichen Schreiben

Verständlichkeitskiller

Seit Menschen schreiben, beschäftigen sie sich mit der Verständlichkeit: Wie lang dürfen Sätze sein, um noch verstanden zu werden? Welche Worte sollte man vermeiden? Es gibt sogar das Fachgebiet der Verständlichkeitsforschung. Und trotzdem: Unverständliches wohin man blickt.

Das folgende Besipiel zeigt: Es sind nicht nur Wissenschaftsartikel und Behördentexte, die schwer verständlich sind. Selbst in Marketing-Texten finden sich die typischen Verständlichkeitskiller. In diesem Textbeispiel habe ich vier von ihnen gefunden. Alle sind relevant für Wissenschaftsartikel:

  1. Satzlänge
  2. Satzbau
  3. Vagheitsausdrücke
  4. Jargon

Verständlichkeit: Newsletter sollen verstanden werden, oder?

Gestern bekam ich von einem medizinischen Forschungsverbund einen Newsletter zugeschickt, in dem ein Workshop beworben werden sollte. Im zweiten Absatz bin ich über folgenden Satz gestolpert:

„In diesem Workshop werden die verschiedenen Projektergebnisse von cloud4health sowohl im Hinblick auf die etablierte technische Infrastruktur incl. der entsprechenden Cloud-Komponenten und -Services, als auch im Hinblick auf die im Projekt etablierten Verfahren zur automatisierten Textanalyse und deren Evaluation in verschiedenen Anwendungsszenarien vorgestellt.“

Verständlichkeitskiller

Satzlänge

Ich musste den Satz mehrmals lesen. Mit 43 Wörtern ist er sehr lang. Genau genommen besteht der gesamte Absatz aus nur einem Satz. Einen Satz dieser Länge kann man nur auf Anhieb verstehen, wenn die Worte einfach sind und der Satzbau klar ist. Beides trifft hier nicht zu.

Satzbau

Die wichtigsten Informationsbestandteile dieses Satzes, nämlich „Projektergebnisse“ (Subjekt) und „vorgestellt“ (Prädikat), liegen zu weit auseinander. Der Grund: Ein extrem langer „im-Hinblick-auf“-Einschub wurde dazwischen gesetzt. Die wichtigen Informationsbestandteile Subjekt und Prädikat werden also nicht mehr als zusammengehörende Einheit erfasst. Sie können beim Lesen nicht auf Anhieb verstanden und aufgenommen werden. Das im Text vorherrschende Passiv erschwert das Lesen zusätzlich.

Vagheitsausdrücke

Vagheitsfloskeln wie „im Hinblick auf“ und „entsprechend“ tun ihr Übriges: Solche Worte sollen einen Bezug herstellen, doch dieser bleibt unklar. Der Leser tappt im Dunkeln.

Jargon

Dann der Business-Jargon: Eine „Anwendung“ wird zu einem „Anwendungsszenario“, unter dem man sich als Leser nichts wirklich vorstellen kann.

Verständlich: Warum nicht einfach einfach?

„In diesem Workshop stellen unsere Referenten die Komponenten und Services der Cloud-Infrastruktur vor, die während des cloud4health-Projektes entwickelt wurden. Außerdem berichten sie, welche Verfahren der automatisierten Textanalyse etabliert wurden und wie sie in den verschiedenen Anwendungen funktionierten.“

Wissenschaftsartikel – die gleichen Probleme

Wissenschaftliche Texte kranken an den gleichen Verständlichkeitsproblemen – egal ob es sich um englischsprachige Originalartikel, Reviews oder Case Reports handelt oder um deutsche Doktorarbeiten oder Bachelor- oder Diplomarbeiten. Seit ich mit diesem Blog begonnen habe, habe ich immer wieder Beiträge zum Thema Verständlichkeit verfasst. Hier finden Sie die Tipps zum verständlichen Formulieren:

Wer tiefer in das Gebiet der Verständlichkeitsforschung einsteigen möchte, sollte sich zunächst mit dem Hamburger Verständlichkeitsmodell auseinandersetzen. Es definiert vier ‚Dimensionen der Verständlichkeit‘: Einfachheit, Gliederung, Prägnanz, Anregung.

3 Kommentare

  1. Markus Nickl at |

    Klasse Beitrag, der das Problem sauber auf den Punkt bringt. Bei doctima beschäftigen wir uns ebenfalls mit Verständlichkeit und beruflichem Schreiben. Gut dass es jetzt auch ein Blog für Verständlichkeit und Wissenschaft gibt.
    Für alle, die sich gerne einen Einblick in den aktuellen Stand der Verständlichkeitsforschung verschaffen wollen, empfehlen wir übrigens das neue Buch von Benedikt Lutz: http://blog.doctima.de/2016/07/verstaendlichkeitsforschung-transdisziplinaer/

    Herzliche Grüße
    Markus Nickl

  2. Markus Nickl at |

    Gerne. Ich hoffe die Rezension ist eine kleine Entscheidungshilfe für die Leser.
    Ich selbst fand das Buch sehr gut, die Daten usw. finden sich unten in der Besprechung. BTW: Wir bekommen keine Provision oder ähnliches für das Buch.

    Viele Grüße
    Markus Nickl

Einen Kommentar schreiben

 
Link nach oben