Forschen . schreiben . publizieren – Praxisnahe Bücher zum wissenschaftlichen Schreiben

Wann ist ein Satz zu lang?

Ich würde einen hohen Geldbetrag darauf wetten, dass auch in Ihrem Schreibratgeber die Satzlänge thematisiert wird: Sätze dürfen nicht zu lang und nicht verschachtelt sein. Sie müssen auf Anhieb verstanden werden können.

Bla, bla, bla – ein Jurassic-Park aus Satzmonstern auch in Wissenschaftstexten

Sätze dürfen nicht zu lang sein. So ähnlich steht das bereits in der „Stilfibel“ von L. Reiners aus dem Jahr 1951 (Wikipedia-Link) – es ist also nichts Neues. Und trotzdem: Wissenschaftler aller Fachrichtungen schreiben auch heute noch Monstersätze und Satzmonster. Allen kommunikationswissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz sind Sätze, die aus 40, 50 oder mehr Worten zusammenkonstruiert wurden, keine Seltenheit.

Dabei gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen Satzlänge, Verständlichkeit und Ablehnungsquote der Fachjournale, wie es R. Coates et al. in ihrem Artikel ‚Language and publication in „Cardiovascular Research“ articles‚ (Cardiovasc Res. 2002 Feb 1;53(2):279-85 [Pubmed-Link]) beschrieben:

  • „(…) Only a few long rambling sentences (often as long as a paragraph) would make a whole article sometimes incomprehensible.“
  • „(…) There was a clear indication that badly written articles correlated with a high rejection rate.“

Vielleicht geht es den Wissenschaftlern ja gar nicht um den wissenschaftlichen Diskurs, sondern eher um die Inszenierung der eigenen Intellektualität. Vielleicht haben sie es aber einfach nicht besser gelernt.

Denn wenn Studierende mit dem wissenschaftlichen Schreiben beginnen, suchen sie nach Vorbildern. Oft orientieren sie sich dabei an dem Stil der Skripte und Lehrbücher und übernehmen den Satzmonster-Stil als vermeintlichen Wissenschaftsstil. Schon pflanzt sich die unverständliche und pseudo-wissenschaftliche Ausdruckweise fort – ein Teufelskreis.

In der Wissenschaft darf ein Satz nicht zu lang sein.

Den Teufelskreis durchbrechen: Regeln für kurze Sätze

Nur das Schwert des kurzen Satzes kann diesen Teufelskreis durchbrechen. Daher die Gretchenfrage: Wie viele Worte darf denn so ein wissenschaftlicher Satz enthalten? Was kann ich tun, um mich zu kürzeren Sätzen zu zwingen?

Ich bin kein Freund von starren Regeln, aber das hier sind ein paar gute Tipps:

  • Jede wichtige Information, verdient ihren eigenen (Haupt-) Satz.
  • Eine etwas weniger wichtige Information darf man in einem Nebensatz beiordnen.
  • Mehr als einen Nebensatz pro Satz würde ich mir sehr, sehr gut überlegen.

Und in Zahlen? Wie viele Wörter passen in einen wissenschaftlichen Satz?

Zu vage? Für all die, die auf klaren Regeln und eindeutigen Gesetzen bestehen:

  • bis 25 Wörter: alles in Ordnung
  • 25–35 Wörtern: genau ansehen, ob noch verständlich
  • länger als 35 Wörter: kürzen (nur in Ausnahmefällen [z. B. bei Aufzählungen] ist diese Satzlänge in Ordnung)

Software-Hilfe gegen zu lange Sätze

Es gibt Rechtschreibprogramme, die zu lange Sätze identifizieren können. Wenn man die Software auf 25 Wörter einstellt, kann man gezielt nach zu langen Sätzen suchen und dann individuell entscheiden, ob ein Satz noch verständlich ist.

Kulturteil: Ein schönes Beispiel zum Schluss

Abschließend muss natürlich noch ein Beispiel her. Ein schönes Beispiel habe ich einmal im Kulturteil des Hamburger Abendblattes gelesen (Seegers „Gute Zahlen, schlechte Zahlen“, 24.03.2003). Vielleicht neigen nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Kultur-Schaffende zur Selbstinszenierung?

„Der Abgeordnete Karl Heinz Ehlers (CDU), der aus seiner Abneigung für den derzeitigen Spielplan des Hauses, auch wenn er ihn nicht durch eigenes Zuschauen kennt, noch nie einen Hehl gemacht hat, hat in einer Kleinen Anfrage an den Senat nach den Besucherzahlen im Hause gefragt und Antworten bekommen, die ihn beunruhigen, den Intendanten des Schauspielhauses jedoch, der gemeinsam mit seinem kaufmännischen Geschäftsführer Jack Kurfess bereits kräftig auf die Ausgabenbremse drückt, nicht umtreiben.“

2 Kommentare

  1. Bert M at |

    Mich würde dann doch mal interessieren ob das nur für deutsche Texte gilt (besonders das mit den Zahlen). Im englischen Paper scheinen mir die Satzlängen nicht so extrem zu sein.

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