Forschen . schreiben . publizieren – Praxisnahe Bücher zum wissenschaftlichen Schreiben

Wissenschaftliche Poster

Sie haben wirklich tolle Daten, doch auf dem Kongress hat sich wieder einmal niemand für Sie und Ihr Poster interessiert? Es liegt wahrscheinlich nicht an den Daten und vermutlich auch nicht an Ihnen. Vielleicht liegt es an Ihrem Poster.

Häufigstes Problem bei der Gestaltung wissenschaftlicher Poster: zu viel Information, zu viel Text, von allem zu viel. Sie können auf einem Poster kein vollständiges Paper abbilden. Auch können Sie auf einem Poster nicht all die Details mitteilen, die Sie während eines 15-Minuten-Vortrags erzählen würden.

It’s just an illustrated abstract

Beschränken Sie den Textumfang.

Auf einem Kongress oder einer wissenschaftlichen Konferenz sollte man den Text eines Poster in ungefähr 3 Minuten lesen können. Wählen Sie daher eine Kombination aus vollständigen Sätzen und Bulletpoints. Und: Mindestens 50 % der Fläche Ihres Posters sollte für wissenschaftliche Abbildungen oder Grafiken verwandt werden.

Beschränken Sie die Informationsauswahl.

Ich weiß, irgendwie ist alles wichtig. Aber denken Sie daran: Es ist kein Paper. Niemand wird mit Ihrem Poster als Grundlage versuchen, Ihre Experimente nachzukochen. Ein erster Schritt, die Informationsauswahl einzuschränken: Kategorisieren Sie die Informationen bevor Sie Ihr Poster gestalten – und zwar in folgende Gruppen:

  • MUST: Diese Informationen benötigt der Leser auf jeden Fall, um Ihre Arbeit zu verstehen. Meist entspricht das dem Inhalt ihres Abstracts.
  • GOOD: Ergänzen Sie Details, die über den Informationsgehalt des Abstracts hinausgehen nur, wenn dies unbedingt notwendig ist, um die Key-Message rüberzubringen (und wenn auf dem Poster noch ausreichend Platz ist).
  • NICE: Nice-to-have Infos behalten Sie für den Kongress in der Hinterhand. Diese können Sie im Gespräch nennen, wenn Sie während der Postersession des Kongresses einen Interessierten durch das Poster führen.

Ergebnisse im Fokus

Beginnen Sie bei der Planung Ihres Posters mit den Ergebnissen. Versuchen Sie, Ihre Ergebnisse immmer mit Abbildungen oder Tabellen zu illustrieren. Formulieren Sie dann einen kurzen und einprägsamen Abbildungstitel, der bereits die Kernbotschaft enthält. Versuchen Sie generell den Text zu den Ergebnissen kurz zu halten. Details können zum Beispiel in Abbildungslegenden „ausgelagert“ werden. Abbildungslegenden haben eine kleinere Schriftgröße.

Dann planen Sie die anderen Abschnitte ihres Posters:

  • Hintergrund mit Fragestellung – ein kurzer Absatz zur Relevanz
  • Methoden – gern auch in Stichpunkten
  • Ergebnisse – sie sollten eine „Story“ erzählen
  • Diskussionen mit Schlussfolgerung – eine kurze Einordnung & Take-home-message
  • ggf. Referenzen

Übrigens müssen Sie Ihre Schlussfolgerung nicht unbedingt an das Ende stellen (ganz unten rechts auf dem Poster, wo es keiner mehr sieht). Sie können die wichtigsten Punkte auch als Main Findings an den Anfang platzieren – zum Beispiel im Anschluss an die Fragestellung.

Das wichtigste im Titel

Wählen Sie einen griffigen Titel, da dieser von den Besuchern des Kongresses immer zuerst gelesen wird. Er sollte die wichtigste Aussage oder Ihre Fragestellung enthalten. Achten Sie darauf, dass der Titel auch in einem Abstand von etwa 5 m noch gut zu lesen ist.

Schriftgrößen:

  • Titel: 72-120 pt
  • Autoren und Institutionen: ca. 60 pt
  • Überschriften: 36-48 pt
  • Fließtext: 24-6 und 30 pt
  • Legenden: ca. 18 pt

Leserführung

Ein wissenschaftliches Poster ist ein illustrierter Abstract.Die Leserichtung sollte in den üblichen Bahnen, also von links nach rechts und/oder von oben nach unten verlaufen. Um den Lesefluss zu unterstützen, haben Sie die Möglichkeit, grafische Elemente einzusetzen. So können Sie zusammengehörige Informationen durch einen Rahmen oder hinterlegte Farben gruppieren. Wenn Sie einen farbigen Hintergrund benutzen, sollten Sie auf den ausreichenden Kontrast von Text und Grafiken achten.

Bei all den Informationen, wissenschaftlichen Abbildungen und grafischen Elementen – lassen Sie Luft zum Atmen. Versuchen Sie nicht, jede freie Fläche Ihres Posters zu nutzen, sondern haben Sie Mut zur Lücke. Lassen Sie daher auch weiße Flächen übrig. Und: Bitten Sie einen Kollegen, Ihr Poster „probezulesen“. Dann klappt das auch mit der Poster-Präsentation auf dem Kongress.

Fazit

Achten Sie darauf, dass der flüchtige Leser gewissermaßen im Vorbeigehen Ihre Kernbotschaft erfassen kann. Dem interessierten Leser können Sie weitere Nice-to-have-Informationen präsentieren (oder erzählen), aber versuchen Sie niemals, auf einem wissenschaftlichen Poster ein vollständiges Manuskript abzubilden.

Nachtrag zum wissenschaftlichen Poster

21. September 2017: Ein Buch zum Thema „Wissenschaftliches Poster“ ist gerade in Arbeit. Ich hoffe, dass ich es bis Ende 2017 fertig bekomme. Darin werde ich all die Themen dieses Beitrages und natürlich noch mehr behandeln. Geplant sind folgende Themen:

  • Abstract – die Bewerbung für den Kongress (Abstract schreiben und einreichen)
  • Elemente des Posters – Aufbau, Texte, Abbildungen, Tabellen
  • Gestaltung des Posters – Schritt für Schritt (Planung, Skizze, Struktur, Schriften und Farben, Software, Leserführung)
  • Posterpräsentation – Kongress und Postersession (kurze und lange Präsentationen, Last-Minute-Vorbereitung, Zusatzmaterial, Kleidung)

Wie auch im Paper-Protokoll illustriere ich alle Themen mit zahlreichen Abbildungen und fasse alle Details am Ende jedes Kapitels als kurze Anleitung zusammen – als Protokoll gewissermaßen. Noch ist das Buch nicht fertig. Wenn Sie also Fragen zur Postergestaltung haben, die Ihnen noch niemand beantworten konnte, dann schreiben Sie mir doch einen kurzen Kommentar oder eine Mail.

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