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Die sieben übelsten Stilsünden in Wissenschaftstexten

In medizinisch-wissenschaftlichen Texten gibt es verzeihbare Stilsünden und solche, die einem der Leser sehr, sehr übel nimmt. Diese sollte man kennen – und unbedingt vermeiden.

Es gibt Stilsünden in Wissenschaftstexten, die mich so richtig fuchsig machen. Warum? Weil sie mich daran hindern, einen Text auf Anhieb zu verstehen. Und: Weil sie aus den schönsten Daten ein richtig schlechtes Paper (Wikip.-Link) machen können.

[1] Unpräzise Worte im Research Paper

  • Es wurden einige definierte Hautareale des Oberschenkels gescannt, um mögliche Läsionen zu detektieren.

In einem Paper werde ich bei solchen Sätzen misstrauisch: Was heißt „einige“? Wie viele Areale wurden gescannt und, wenn sie schon „definiert“ waren, wie groß waren sie? Es macht einfach ein Unterschied, ob man 2, 8 oder 24 Areale von jeweils 2 x 2 mm oder 2 x 2 cm untersucht.

Es sind oft solche ungenauen Zahlenwörter, die ein Paper ins Nebulöse abgleiten lassen. Mich ärgert so was.

  • Ungenaue Zahlenwörter: mehr, viele, einige, wenig, stark, schwach

[2] Fremdwörter, Latinismen – im Fachartikel?

Fachartikel benötigen Fachbegriffe – klar. Fachbegriffe sind oft die einzige Möglichkeit, einen wissenschaftlichen Sachverhalt präzise und eindeutig auszudrücken. Fachbegriffe sind aber auch abstrakt. Das bedeutet: Der Leser eines Fachartikels benötigt eine hohe Aufmerksamkeit, sich im Dschungel der Fachbegriffe zurechtzufinden – aber das kann man nicht vermeiden.

Benutzt man nun darüber hinaus, also zusätzlich zu den Fachbegriffen, auch noch Fremdwörter in seinem Paper (gerne auch lateinische; sogenannte Latinismen), kann der Leser schnell überfordert sein. Denn auch Fremdwörter sind abstrakt. Auch sie erfordern eine hohe Aufmerksamkeit, sie binden geistige Ressourcen.

  • Latinismen in einem Fachartikel: therapeutisches Armamentarium, methodische Novität, Procedere, eruieren, marginal etc.

[3] Dekorative Füllwörter schreiben – warum?

Dekorative Wörter sind in einem Fachartikel überflüssig, sie liefern keine Information und hemmen den Lesefluss – ein ohnehin schwerer Text wird noch komplexer.

  • Die Eigenschaften dieses Proteins sind hinlänglich bekannt.
  • Der Nachweis dieses Proteins kann zuweilen schwierig sein.
  • Letztlich gelang uns die 3-fache Anreicherung des Proteins.

Die Eigenschaften eines Proteins sind entweder bekannt oder unbekannt, aber nicht hinlänglich bekannt. Der Nachweis dieses Proteins kann schwierig sein, aber er kann nicht zuweilen schwierig sein (die Möglichkeit, dass es schwierig ist, wird bereits durch das „kann“ ausgedrückt). Wenn wir dieses Protein dann doch nachweisen und sogar 3-fach anreichern konnten, dürfen wir uns freuen. Diese Emotion behalten wir jedoch für uns und schreiben einfach: „Wir konnten das Protein 3-fach anreichern. PUNKT“ Emotionen sind in Wissenschaftstexten tabu.

  • Typische Wissenschaftsfüllwörter in einem Fachartikel: Hinlänglich, zuweilen, letztlich, in der Tat.

[4] Nebensätze: Informationen im Paper ‚verstecken‘?

Wichtige Informationen können also zwischen den Ungenauigkeiten, Fremdwörtern und Dekorationen verschwinden – sie können aber auch in den hintersten Winkeln der Nebensätze versteckt sein.

Bei einem Paper gehören die wichtigen Botschaften und Kerninformationen in Hauptsätze. Nebensätze werden als etwas Nebensächliches wahrgenommen und sollten nur benutzt werden, um ergänzende Informationen zu liefern.

  • (?) Es konnte daher geschlussfolgert werden, dass aufgrund der aktuellen Studienlage Empfehlungen ausgesprochen werden können, den Wirkstoff XY verstärkt einzusetzen, da seine Wirksamkeit nunmehr als erwiesen gilt.
  • (!) Die Wirksamkeit von XY gilt nun als erwiesen. Aufgrund der aktuellen Studienlage wird empfohlen, ihn verstärkt einzusetzen.

[5] Ist das nicht schön? Nein, ist es nicht.

Mit Verneinungen ist es so eine Sache. Zum einen können doppelte Verneinungen schwer verständlich oder missverständlich sein – auch in einem Fachartikel:

  • Der Wirkstoff XY gehört nicht zu der Substanzklasse, die selten schwere Nebenwirkungen hat.

Zum anderen müssen wir eine Verneinung immer erst intellektuell verarbeiten:

  • Denken Sie jetzt nicht an Schokolade.

Sie sehen: Das Bild „Schokolade“ war sofort in ihrem Kopf und die Verneinung haben sie zunächst überlesen – Sie mussten sie zuerst intellektuell verarbeiten. Oft werden Verneinungen einfach übersehen.

Fazit: Seien Sie vorsichtig mit Verneinungen. Formulieren Sie besser positiv:

  • Die Temperatur blieb stabil. (statt „stieg nicht weiter an“)

[6] Key-Words: Die Wortwiederholung im Paper ist nichts böses!

Ein wissenschaftliches Research Paper oder Originalartikel mit Text und Abbildungen.In der Schule haben wir gelernt: Eine Wortwiederholung ist etwas Böses (erinnern Sie sich an das rote „W“ am Rand?). Vergessen Sie das! Denn der Leser erwartet bei einem neuen Wort auch eine neue Sache und das kann ihn irritieren.

Angenommen, in Ihrem Text geht es um Glukokortikoide:

  • Glukokortikoide wurden gut vertragen.

Wenn Sie dann für den folgenden Satz das Wort Glukortikoid vermeiden und stattdessen ein Synonym verwenden wollen  (z. B. Cortison), passiert folgendes:

  • So betrug die Rate unerwünschter Nebenwirkungen unter Cortison-Therapie …

Der Leser erwartet beim zweiten Satz intuitiv, etwas über einen weiteren Wirkstoff, nämlich Cortison zu erfahren. Auch wenn er sich wahrscheinlich schnell erschließen kann, dass Sie das Gleiche meinen – die Eindeutigkeit und Klarheit des Textes leiden doch beträchtlich. Entscheiden Sie sich daher für bestimmte Schlüsselbegriffe, Glukokortikoid oder Cortison, und benutzen Sie diese durchgängig.

  • (?) Glukokortikoide wurden gut vertragen. So betrug die Rate unerwünschter Nebenwirkungen unter Cortison-Therapie …
  • (!) Glukokortikoide wurden gut vertragen. So betrug die Rate unerwünschter Nebenwirkungen unter Glukokortikoid-Therapie …

[7] Der Jargon der Fachartikel

Ärgerlich finde ich auch diesen Wissenschaftsjargon der Fachartikel und Doktorarbeiten, der oftmals gedankenlos von jungen Autoren und Autorinnen übernommen wird. Denn wenn zum Beispiel ein Doktorand in seiner Arbeit schreibt, „Abbildung 3 zeige ein typisches Ergebnis“, dann weiß der geübte Fachleser, dass dies wohl der einzige Versuch war, der funktioniert hat.

Oder: Bei dem Satz „Es ist seit langem bekannt, dass…“ darf man vermuten, dass der Autor / die Autorin einfach zu faul war, die Original-Referenz nachzuschlagen. Das bedeutet: Fachchinesisch wird schnell entlarvt – es lohnt sich nicht.  Hierzu ein weiterer Beitrag zum Jargon.

Fazit

Präzision, Einfachheit und Klarheit – das sind die Grundpfeiler eines verständlichen Wissenschaftstextes. Sie sollten alle Begriffe und Formulierungen kontrollieren, ob sie diesen Anforderungen genügen.

2 Kommentare

  1. Nolder at |

    Anm. zu [6] Key-Words: Cortison ist kein Synonym zu Glukokortikoid. Das eine ist der generische Name, das andere die Wirkstoffklasse.

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