Forschen . schreiben . publizieren – Praxisnahe Bücher zum wissenschaftlichen Schreiben

Scientific Misconduct (2): Peer-Review-Betrug

Viele Fachjournale möchten, dass die Autoren bei der Einreichung ihres Papers mögliche Reviewer (Gutachter) samt deren Kontaktdaten nennen – der Begutachtungsprozess kann so beschleunigt werden. Was aber, wenn die Kontaktdaten gefälscht wurden, sodass die Bitte des Journals um Erstellung eines Gutachtens nicht an die Experten, sondern an die Autoren selbst verschickt wird?

Schon mal etwas von Peer-Review-Betrug gehört? Das bedeutet, dass ein Paper auf der Grundlage gefälschter Gutachten zur Publikation angenommen wird. So etwas kann eigentlich nur vorkommen, wenn alle Kontrollmechanismen des Journals versagen – wie es 2016 beim angesehenen British Journal of Clinical Phamacology passiert ist (die folgende Darstellung der Ereignisse beruht auf einem selbstkritischen Editorial dieser Zeitschrift: Cohen, A. et al. (2016) Organised crime against the academic peer review system. Br J Clin Pharmacol, 81: 1012–1017. doi: 10.1111/bcp.12992.).

Das Paper und seine Gutachter

Bei dem fraglichen Paper handelte es sich um eine Meta-Analyse zu einer bestimmten kardiologischen Medikation. Die Autoren schlugen bei der Einreichung Ihres Manuskripts zwei Experten als Reviewer vor – beides angesehene amerikanische Kardiologen und Experten auf dem Gebiet der Herzinsuffizienz. Entgegen der sonst üblichen Praxis bat die Fachzeitschrift gleich beide vorgeschlagenen Experten um ein Gutachten zum eingereichten Paper und verzichtete darauf, sich einen eigenen, zusätzlichen Experten zu suchen.

Die Gutachten

Die Herausgeber des Journals wunderten sich offenbar nicht, dass die Gutachten in atemberaubender Geschwindigkeit, nämlich innerhalb einer Woche erstellt wurden. Auch waren die Gutachten wenig differenziert und extrem positiv – auch das hätte den Herausgebern zu denken geben können. Denn ganz im Gegensatz zu zwei vorausgegangenen Metaanalysen wurde in der aktuellen Arbeit ein deutlicher Benefit der untersuchten Behandlung festgestellt.

Vielleicht hätte irgendjemandem auch auffallen müssen, dass die E-Mail-Adressen der beiden Gutachter offensichtlich keine Geschäftsadressen waren. Oder dass die amerikanischen Experten in einem merkwürdig schlechten Englisch schrieben.

Der Journal-Club

Ein Journal-Club ist bei Studenten eine beliebte Veranstaltung. Publikationen werden dort bis ins kleinste Detail zerpflückt, kritisch hinterfragt und bezüglich ihrer Aussagekraft überprüft. Ein gutes Training für angehende Wissenschaftler.

Pech für die Autoren des oben genannten Papers, dass ausgerechnet ihre Meta-Analyse in einem solchen Journal-Club besprochen wurde. Denn die Teilnehmer fanden so einige methodische Schwächen und rieben sich verwundert die Augen: Wie konnte so ein schlechtes Paper so hochrangig publiziert werden? Das wollten sie auch von den Herausgebern der Zeitschrift wissen und schrieben einen sehr, sehr langen Brief.

Retraction

Die Herausgeber des Journals nahmen daraufhin selbst Kontakt zu den beiden Experten auf – nachdem sie die richtigen Kontaktdaten herausgefunden hatten. Oh Wunder – keiner der beiden hatte je etwas von dieser Meta-Analyse gehört.

Als die Autoren mit dem Vorwurf des Peer-Review-Betrugs konfrontiert wurden, gaben sie an, dass Paper zwar eigenhändig geschrieben, den Submission-Prozess jedoch einem chinesischen Dienstleister übertragen zu haben. Dieser Dienstleister habe auch den Kontakt zu den ‚Experten‘, also den möglichen Reviewern aufgenommen. Eine schwammige Erklärung? Wie auch immer – das Paper wurde natürlich zurückgezogen und das Fachjournal hat seine Vorschriften zum Review-Prozess verschärft.

Fazit

Was lernen wir daraus? Wissenschaftliches Fehlverhalten, Scientific Misconduct, hat viele Gesichter. Nicht nur das Erfinden oder Manipulieren von Daten, sondern auch das Erfinden und Manipulieren von Gutachten gehört also dazu.

Wir lernen aber auch, dass ein Journal-Club eine verdammt sinnvolle Veranstaltung ist – und nicht nur kostbare Laborzeit raubt.

Die Misconduct-Reihe im Scientific-Writing-Blog:

Einen Kommentar schreiben

 
Link nach oben