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Nominalstil– die Mutter aller Stilsünden

Für Tätigkeiten benutzen wir natürlicherweise ein Verb: „Ethanol fällt DNA“.  Der Nominalstil benutzt stattdessen  ein Hauptwort: „Die Fällung der DNA erfolgt durch Ethanol“. Warum ist das schlecht?

Auch beim Paper schreiben: Die Dosis macht das Gift.

Der Nominalstil ist nicht immer und auch nicht per se schlecht. Wenn man ihn gelegentlich verwendet, einmal pro Absatz (removal was achieved), und dann wieder die natürliche Ausdrucksweise verwendet (was removed), dann ist das natürlich noch keine Stilsünde. Nur die Häufung ist in einem Wissenschaftstext problematisch:

  • Die Erweiterung [1] der Leitlinie vom 30. März 2017 beinhaltet für den Fall einer Diagnoseverzögerung [2] die Möglichkeit eines späteren Behandlungsbeginns [3].
  • Die Leitlinie wurde zum 30. März 2017 erweitert. Demnach kann eine Behandlung später beginnen, wenn sich die Diagnose verzögert.

Dreimal Nominalstil in einem Satz – das klingt gestelzt, autoritär und irgendwie un-locker. Deswegen ist der Nominalstil eine Stilsünde. Die natürliche Ausdrucksweise klingt dagegen geschmeidig, normal und natürlich. Da macht auch das Lesen eines Research Papers Spaß.

Also ok: Nominalstil vermeiden, weil es eine Stilsünde ist. Aber gibt es noch andere Gründe, die gegen den Nominalstil sprechen? Ja, die gibt es:

Was spricht gegen den Nominalstil im Fachartikel?

Es sind drei Gründe, warum man in seinem Fachartikel auf den Nominalstil verzichten sollte:

[1] Paper und Abstract werden zu lang, denn: Der Nominalstil benötigt im Durchschnitt mehr Worte.

Prägnante Texte sind gewünscht, direkt auf den Punkt. Wissenschaftliche Texte sollten zwar so lange wie nötig, aber auf jeden Fall so kurz wie möglich sein. Typische Beispiele aus Doktorarbeiten, Fachbereich Medizin & Biologie:

  • zur Anwendung bringen (3) – anwenden (1)
  • einer Analyse unterziehen (3) – analysieren (1)
  • eine 3-fache Anreicherung erzielen (4) – 3-fach anreichern (2)

Wer über seinem Abstract brütet und ihn einfach nicht in den maximalen Word Count hinein bekommt, der sollte einfach den Nominalstil eliminieren. Damit kann man seinen Text um gut 20 % kürzen.

[2] Ihr Fachartikel wirkt trocken und langweilig, denn: Der Nominalstil benutzt zu wenig Verben.

Klar, das ist seine Natur. Doch Verben machen einen Text lebendig – die Aufmerksamkeit des Leser wird dadurch erhöht. Hauptwörter machen den Text dagegen trocken und langweilig und die Aufmerksamkeit des Lesers verabschiedet sich schrittweise. Hier ein Beispiel aus der Medizin:

  • Nominalstil (6 Hauptwörter,  1 Verb): Es erfolgte eine Faszienbehandlung mit Dehnung des rechten Oberschenkels mit dem Ziel der Mobilisation des Beckens.
  • Natürlich (3 Hauptwörter, 2 Verben): Bei der Faszienbehandlung wurde der rechte Oberschenkel gedehnt, um das Becken zu mobilisieren.
Nominalstil in einem Fachartikel aus dem Bereich Medizin.

Beispiel aus der Medizin.

„Wurde gedehnt“ und „um zu mobilisieren“ – da hat man doch seinen Physiotherapeuten direkt vor Augen. So klingt das einfach spannender.

[3] Das Paper liest sich wie ein Gesetzestext, denn: Der Nominalstil klingt nach Beamtensprache.

Für mich der schwerwiegendste Grund. Nichts gegen Beamten, aber wollen Sie wie einer klingen? Hier ein unwissenschaftliches Beispiel:

  • Die Erteilung der Fahrerlaubnis seitens der Führerscheinstelle erfolgt nächste Woche.
  • Wir werden Ihnen die Fahrerlaubnis nächste Woche erteilen.

Entscheiden Sie selbst

Manche meiner Workshopteilnehmer halten den Nominalstil für die „wissenschaftlichere“ Ausdrucksweise – was jedoch nur daran liegt, dass wir alle mit dem Nominalstil groß geworden sind und uns an ihn gewöhnt haben: Ältere Lehrbücher und Skripte wurden traditionell im Nominalstil verfasst.

Auch in einen Fachartikel aus der Medizin oder der Biologie gehören Verben und weniger Hauptwörter.Nein, keine der beiden Varianten – Nominalstil oder Verbalstil – ist wissenschaftlicher, denn am Inhalt ändert sich nichts. Es ist eine reine Stilfrage.

Stilfragen sind immer auch ein wenig Geschmacksfragen. Entscheiden Sie also selbst, ob Sie in Ihrem Paper hier und da „nominal“ schreiben möchten oder nicht. Vermeiden Sie es aber in jedem Fall, auschließlich „nominal“ zu formulieren – denn dann leidet die Lesbarkeit.

Sie kommen nicht los vom Nominalstil? Hier finden Sie eine Übungsseite von Nathan Sheffield, Duke University Graduate School: Lesson1.

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