Forschen . schreiben . publizieren – Praxisnahe Bücher zum wissenschaftlichen Schreiben

Satzlänge: Verständlichkeitskiller im Nutzendossier

Wer im Pharma-Bereich unterwegs ist, weiß, wie viel Arbeit in einem Nutzendossier steckt. Man sollte annehmen, dass die Autoren und Autorinnen daher alles daran setzen, zu überzeugen – mit verständlichen und prägnanten Texten.

Verständlichkeit im AMNOG Nutzendossier

Die Realität sieht anders aus. Oft verhindert die pure Länge eines Satzes, dass der Leser (der Gutachter) die Bedeutung eines Satzes auf Anhieb erfasst. Die Satzlänge gehört zu den häufigsten Verständlichkeitskillern in einem Nutzendossier nach AMNOG1) – aber auch zu denen, die man sehr, sehr leicht vermeiden kann.

[1] AMNOG Nutzendossier – im Original und optimiert

Original

  • Aufgrund der Stärke des Effektes von Ponatinib hinsichtlich des hämatologischen, zytogenetischen und molekularen Ansprechens als prädiktive Faktoren des Gesamtüberlebens sowie der überwiegenden Konsistenz der Ergebnisse über die Subgruppen hinweg, der Plausibilität der Ergebnisse und des positiven Risiko-Nutzen-Verhältnisses, lässt sich aus der hier beschriebenen Studie AP24534-10-201 ein Nutzenbeleg auf Basis einer unkontrollierten Studie ableiten. [Dossier zur Nutzenbewertung Ponatinib – Modul 1 (2013)]

Man muss kein Sprachprofi sein, um zu erkennen, dass 53 Wörter zu viel sind – zu viel, um die zentrale und wichtige Botschaft noch zu erkennen: Aus der Studie AP24534 lässt sich ein Nutzenbeleg ableiten. Diese Aussage, versteckt am Ende eines Satzmonsters, ist so wichtig, dass sie eigentlich einen eigenen Hauptsatz verdient, den man möglichst zu Beginn des Absatzes platziert.

Auch beruht dieser Nutzenbeleg auf genau vier Gründen: (1) Effektstärke, (2) Konsistenz und (3) Plausibilität der Ergebnisse, (4) Risiko-Nutzenverhältnis. Auch diese vier Gründe sind so bedeutsam, dass sie jeweils einen eigenen Satz verdienen.

Optimiert

  • Aus vier Gründen lässt sich aus der hier beschriebenen Studie AP24534-10-201 ein Nutzenbeleg auf Basis einer unkontrollierten Studie ableiten. Der erste Grund beruht auf der Stärke des Effektes von Ponatinib hinsichtlich des hämatologischen, zytogenetischen …

Und somit haben wir die wichtigste Regel zur Vermeidung unverständlicher Satzmonster formuliert:

→ Sätze sind Informationseinheiten. Wichtige Informationen verdienen einen eigen Satz.

[2] AMNOG Nutzendossier – im Original und optimiert

Original

Ein anderes Beispiel. Mit 43 Wörtern ist der folgende Satz ebenfalls sehr lang (hinzu kommen die vielen Einschübe):

  • Mit Afatinib (Giotrif®) – als erstem irreversiblen ErbB (V-Erb-B2 Erythroblastic Leukemia Viral Oncogene Homolog)-Familienblocker – steht für eine molekular charakterisierte Population von Patienten mit EGFR (Epidermal Growth Factor Receptor [epidermaler Wachstums-faktor-Rezeptor]-positivem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (Non-Small Cell Lung Cancer [NSCLC]) ein neuartiges und spezifisches Therapieprinzip zur Verfügung. [Dossier zur Nutzenbewertung Afatinib – Modul 2 (2016)]

Zu viele Wörter machen einen Satz unverständlich.Der Autor hat es sicher gut gemeint, als er jeden Fachbegriff und jede Abkürzung direkt an Ort und Stelle erklärte – damit keine Frage offen bleiben muss.

Naja, der Schuss ging dann doch nach hinten los, denn diese 43 Wörter bilden einen sehr, sehr langen und in sich verschachtelten Satz. So ein Satz kann niemals am Stück gelesen oder auf Anhieb verstanden werden.

Optimiert

Wenn wir unsere Regel (Sätze sind Informationseinheiten) auf dieses Beispiel anwenden, haben wir folgende Sätze:

  • Afatinib (Giotrif®) ist der erste irreversible ErbB-Familienblocker (V-Erb-B2 Erythroblastic Leukemia Viral Oncogene Homolog). [13 Wörter]
  • Mit ihm steht für eine molekular charakterisierte Population ein neuartiges und spezifisches Therapieprinzip zur Verfügung. [15 Wörter]
  • Bei dieser Population handelt es sich um Patienten mit Epidermal Growth Factor Receptor (EGFR) positivem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (Non-Small Cell Lung Cancer [NSCLC]); EGFR: epidermaler Wachstumsfaktor-Rezeptor). [25 Wörter]

13, 15 und 25 Wörter – alles in Ordnung. Und: Die längeren Klammereinschübe stehen nun nicht mehr mitten im Satz, sondern am Satzende. Dort stören Sie nicht.

Das bedeutet, wir haben eine weitere Regel zur Vermeidung unverständlicher Satzmonster:

→ Klammereinschübe dürfen den Informationsfluss nicht unterbrechen. Klammern gehören an das Satzende.

AMNOG-Schreibworkshop

Verständlichkeit und Kommunikation sind zentrale Themen in meinen AMNOG-Schreibworkshops – und natürlich auch im Paper-Protokoll. Dort finden Sie weitere Beispiele für Satzmonster und Monstersätze – den Klassikern unter den Verständlichkeitskillern.

1) Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG); Link zum Glossar des Bundesministeriums für Gesundheit

Einen Kommentar schreiben

 
Link nach oben