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New & Novel in Wissenschaftsartikeln: Da Ya Think I’m Sexy?

Man könnte fast glauben, „new methods“ oder „new therapies“ klinge langweiliger als „novel methods“ und „novel therapies“. Denn wenn Autoren die Wahl haben, entscheiden sie sich zunehnmend für „novel“.

Zwischen 1975 und 2010 ist die Verwendung von „novel“ in den Abstracts und Titeln von englischen Wissenschaftsartikeln laut einer Untersuchung von NW Goodman[1] 18-fach gestiegen (European Science Editing). Aber bedeuted“novel” etwas anderes als “new”? Ja, schon, ein wenig: Laut Definition des Oxford Dictionary bedeuted “novel” etwas Neues, Interessantes und vielleicht auch Ungewöhnliches – es geht also etwas über „new“ hinaus, das eben einfach nur „neu“ bedeutet.

Wie neu ist novel in englischen Wissenschaftsartikeln?

Die Frage ist jetzt natürlich, ob all die Methoden, Therapien und Erkenntnisse, die in englischsprachigen Wissenschaftsartikeln, also in den Originalartikeln, Übersichtsarbeiten und Forschungsanträgen, als „novel“ bezeichnet werden, tatsächlich auch interessant oder ungewöhnlich sind.

  • Wird im Titel eines Wissenschaftsartikels eine „novel class of substances“ angekündigt, dann sollte diese bisher auch wirklich unveröffentlicht sein.
  • Schreibt der Autor oder die Autorin eines englischen Wissenschaftartikels von „a novel clinical treatment method“, dann sollte diese nicht bereits seit 6 Monaten in der klinischen Routine angewandt werden – sonst wirkt das etwas lächerlich.

Wenn Substanzklassen schon lange bekannt sind oder Behandlungsmethoden schon lange in der Klinik eingesetzt werden, fragt man sich natürlich, ob „new“ dann so viel besser ist.

Stay positive in englischen Wissenschaftsartikeln

Holländische Wissenschaftler[2] haben festgestellt, dass – ganz allgemein – die Verwendung von extrem positiv-klingenden Wörtern in Titeln und Abstracts von Wissenschaftsartikeln (’novel’, ‘amazing’, ‘innovative’ and ‘unprecedented’) zwischen 1974 und 2014 gut 9-fach zugenommen hat (Use of positive and negative words in scientific PubMed abstracts). Man fragt sich: Gibt es denn nur noch bahnbrechende Entdeckungen, aber keine vernünftige und solide Forschung mehr?

Marketing-Sprech in englischen Wissenschaftsartikeln?

Klar, von der Werbung sind wir ständiges Übertreiben und sprachliche Überdrehtheit gewohnt – aufgrund des allgemeinen Publikationsdrucks infiltriert der Marketing-Sprech nun zunehmend auch die Wissenschaftsartikel.

Werden die Übertreibungsworte jedoch inflationär benutzt, verlieren sie zwangsläufig ihre Wirkung – wenn alles „amazing“ ist, regt uns irgendwann nichts mehr auf.

Doch was passiert dabei mit der Wissenschaftssprache – dann dienen die ‚Scientific Words’ nicht mehr dazu, Inhalte zu transportieren, sondern zu verkaufen. Und das kann nicht das sein, was wir wollen.

[1] Goodman NW. The increasing pseudodignification of medical prose. Eur Sci Ed. 2015;41:31-5. [2] Vinkers C, Tijdink JK, Otte WM. Use of positive and negative words in scientific PubMed abstracts between 1974 and 2014: retrospective analysis. BMJ. 2015;(14):351:h6467.)

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