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Wissenschaftsartikel – Lesbarkeit und Verständlichkeit werden immer schlechter

Scientific-Writing-Kurse an Universitäten, unzählige Schreibratgeber (inkl. ‚Das Paper-Protokoll‘), Online-Tutorials – braucht es so viel Unterweisung im wissenschaftlichen Schreiben? Offensichtlich ja, wie ein aktueller Artikel zur Verständlichkeit der Wissenschaftssprache eindrucksvoll beweist.

Lesbarkeit und Verständlichkeit wissenschaftlicher Artikel

Research: The readability of scientific texts is decreasing over time – so heisst ein kürzlich erschienener Artikel von Pontus Plavén-Sigray et al., erschienen in eLife 2017;6:e27725 (doi: 10.7554/eLife.27725).

Die Autoren untersuchten zunächst 709 577 Abstracts, die zwischen 1881 und 2015 in 123 verschiedenen biomedizinischen Journals publiziert wurden – keine Wald- und Wiesen-Journals, sondern durchaus hochrangige wie Nature, Science, NEJM, The Lancet, PNAS und JAMA.

Untersuchungsparameter

Flesch Lesbarkeitsindex

Flesch Lesbarkeitsindex (Flesch-Reading-Ease): In die Formel gehen Satzlänge (ASL) und die Zahl der Silben pro Wort (ASW) ein:

  • FRE = 206,835 – (1,015 x ASL) – (84,6 x ASW).

Je höher das Ergebnis, desto verständlicher.

New Dale-Chall Readability Formula

New Dale-Chall Readability Formula (Chall and Dale. 1995. Readability revisited: The new Dale-Chall readability formula. Brookline Books): Zahl der Worte pro Satz (ASL) und Anteil schwieriger Worte (PDW):

  • Raw Score = 0.1579 x (PDW) + 0.0496 x (ASL).

Je höher der Wert, desto anspruchsvoller der Text.

Ergebnis: Verständlichkeit der Abstracts nimmt ab

Über den untersuchten Zeitraum hat der Flesch-Index beständig ab- und der New Dal-Chall-Index kontinuierlich zugenommen – die Lesbarkeit der Abstracts hat sich also zunehmend verschlechtert.

Abnahme der Lesbarkeit und Zunahme der Komplexität von Wissenschaftsartikeln.

Vereinfachte Darstellung des Ergebnisses aus: Pontus Plavén-Sigray et al. Research: The readability of scientific texts is decreasing over time. eLife 2017;6:e27725 doi: 10.7554/eLife.27725.

Ergebnis: Verständlichkeit der vollständigen Wissenschaftsartikel nimmt ab

Ok, Abstracts unterliegen eigenen Gesetzen. Um seine Ergebnisse in den limitierten Word Count unterzukriegen, muss man eine sehr komplexe Sprache wählen – das macht das Lesen nicht leichter (Dronberger and Kowitz, 1975).

Daher bestätigten die Autoren ihre Ergebnisse zusätzlich an 143 957 Artikeln in voller Länge. Auch hier zeigte sich, dass Lesbarkeit und Verständlichkeit der Wissenschaftsartikel zunehmend abnahmen.

Wissenschaftsartikel – warum werden sie immer unverständlicher?

Ich denke, es liegt an folgenden Punkten:

  • Die Sätze der Abstracts und vollständigen Wissenschaftsartikel werden immer länger. Verständlichkeitskiller Nummer 1.
  • Die Worte der Abstracts und vollständigen Wissenschaftsartikel werden immer länger. Hepatotumorigenicity, Tumorzelldifferenzierung, Prostatakarzinompatienten.
  • In Abstracts und vollständigen Wissenschaftsartikeln wird zunehmend im Jargon geschrieben – damit meine ich keine Fachbegriffe, die ja unbedingt notwendig sind, sondern die nichtssagenden Floskeln, die ich schon mehrmals hier angesprochen habe: Jargon.

Plavén-Sigray et al. diskuttierten als mögliche Erklärung zwei Korrelationen – die steigende Zahl der Ko-Autoren und eben auch die zunehmenden Verwendung des typischen Wissenschaftsjargons.

Schwer verständliche Wissenschaftsartikel – liegt das nicht in der Natur der Sache?

Natürlich wird die Biomedizin und Life-Science-Forschung mit all ihren neuen Methoden immer komplexer. Ein Grund mehr, sich um eine besser lesbare und verständlichere Wissenschaftssprache, also einer Sprache zur Kommunikation unter Wissenschaftlern, zu bemühen. Aus zwei Gründen:

1) Kommunikation in der Scientific Community

Texte mit optimierter Lesbarkeit werden auch von Wissenschaftlern besser verstanden – Voraussetzung für zielführende Diskussionen innerhalb der Scientific Community (Scientific literacy: Clear as mud).

2) Reproduzierbarkeit der Ergebnisse

Die Verständlichkeit gerade der Methoden und der Ergebnisse eines Wissenschaftsartikels ist wichtig, denn Ergebnisse sollten problemlos reproduziert werden können, um ihre Evidenz zu erhöhen (Believe it or not: how much can we rely on published data on potential drug targets?)

Mein Fazit aus diesem Artikel

Das Paper-Protokoll: Schreibratgeber

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Es gibt noch viel zu tun. Vor allem muss unter Wissenschaftlern ein Umdenken stattfinden: Die Kommunikation mit anderen Wissenschaftlern gehört zum Job. Möchte man seinen Job gut machen, kümmert man sich um eine erfolgreiche Kommunikation – mit klaren und verständlichen Texten.

Verständliche Texte klappen mit dem Paper-Protokoll.

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