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Wissenschaftliche Manuskripte – so klappt die Zusammenarbeit mit den Koautoren

Niemand schreibt einen wissenschaftlichen Artikel, ein Paper, eine Übersichtsarbeit oder einen Forschungsantrag allein. Fast immer sind es mehrere Autoren mit unterschiedlichen inhaltlichen Ideen und stilistischen Vorlieben. Nicht immer leicht, das alles unter einen Hut zu kriegen.

Spätestens, wenn die Rohfassung, also der erste Entwurf eines Papers, Reviews oder Forschungsantrages, steht, müssen die Koautoren eingebunden werden. Die spätere Publikation des Manuskripts trägt schließlich auch ihre Namen. Auch als Koautor trägt man Verantwortung für die veröffentlichten Daten.

Die Koautoren korrigieren und kommentieren also den Entwurf, den 1stDraft des Manuskripts, und senden ihn an den Erstautor zurück, der dann … ja, was dann?

Wie kann man als Erstautor alle Änderungen und Kommentare seiner Koautoren berücksichtigen und dabei die Zusammenarbeit möglichst geschmeidig und effektiv gestalten?

Diskussionsbedarf mit den Koautoren?

Keine Seltenheit: Die verschiedenen Wünsche der Koautoren widersprechen sich gegenseitig oder laufen völlig konträr zu den Vorstellungen des Erstautors. Hier besteht Diskussionsbedarf und dafür benötigt man eine Grundlage.

Grundlage: einheitliche Version des Manuskripts

Zunächst muss der Erstautor alle Änderungen und Kommentare in einer Manuskript-Version zusammenführen, um die Grundlage für eine gemeinsame Telefonkonferenz oder ein Meeting zu schaffen. Aber wie viele Kommentare oder Änderungswünsche kann man während eines sagen wir einmal 1-stündigen Treffens diskutieren? Viele sind es nicht. Daher muss der Erstautor eine Auswahl treffen. Er muss alle Änderungen und Kommentare zunächst kategorisieren:

  • Unstrittige Änderungen im Manuskript: Rechtschreibfehler und andere offensichtliche Fehler im Paper, Review oder Forschungsantrag sollte der Erstautor direkt verbessern sowie unbedeutende stilistische Änderungswünsche direkt annehmen. Hier besteht kein Diskussionsbedarf.
  • Inakzeptable Änderungen im Manuskript: Meist hat sich der Erstautor bereits intensiv mit den Autorenhinweisen des Journals (Instructions to authors) auseinander gesetzt – die Koautoren dagegen nicht. Hier genügt meist eine Mail „auf dem kleinen Dienstweg“ oder ein kurzer Vermerk im Manuskript, um zu erklären, warum bestimmte Änderungen nicht übernommen werden können. Auch hier: kein Diskussionsbedarf.
  • Optionale Änderungen im Manuskript: Änderungswünsche und Kommentare einzelner Koautoren, die weder Datenauswahl noch die Interpretation der Ergebnisse betreffen, sollte man zwar auf die Agenda der Telefonkonferenz setzen, aber mit einer etwas geringeren Priorität. Oftmals geht es dabei um die Darstellung der Ergebnisse in Abbildungen und Tabellen – der eine wünscht sich Balkendiagramm, der andere eine Tabelle. Da muss man drüber reden, aber erst, wenn inhaltliche Differenzen aus dem Weg geräumt sind.
  • Strittige Änderungen des Manuskripts: Gibt es bei der Datenauswertung, Interpretation oder wissenschaftlichen Einordnung gegensätzliche Meinungen, muss man darüber sprechen bis ein Konsens erreicht wird. Diese inhaltlichen Aspekte haben oberste Priorität.

Der Erstautor erstellt also eine Version des Manuskripts, die nur noch die optionalen und strittigen Änderungen und Kommentare enthält, und verschickt sie an die Koautoren. Dann kann das Meeting beginnen.

Die Konferenz: Zielführende Diskussion ums Manuskript oder einfach nur BlaBla?

Eines ist klar: Die Konferenz muss verschoben werden, wenn nicht alle kommentierten Versionen des Manuskripts beim Erstautor wieder eingetroffen sind und in seiner zusammengefassten Version entsprechend nicht berücksichtigt werden konnten. Denn nur so kann sichergestellt werden, dass sich alle Koautoren intensiv mit dem Manuskript beschäftigt haben.

Andernfalls kann es passieren, dass einzelne Koautoren erst während der Telefonkonferenz im Paper oder Forschungsantrag herumblättern ‒ um den Text zu lesen. Sie können nichts Sinnvolles zur Diskussion beitragen, ihre Vorschläge sind selten hilfreich.

Konstruktive Arbeit am Manuskript – was Koautoren leisten können

Konstruktive Kommentare im Manuskript

Koautoren können einiges beitragen, um die Kooperation zu erleichtern. Indem sie selbst ihre Änderungswünsche als „optional“ oder „diskutabel“ oder „obligat“ kategorisieren und vor allem konstruktiv kommentieren.

  • Negative Kommentare im Manuskript vermeiden: „Das verstehe ich nicht!“, ist wenig konstruktiv. „Verstehe ich das richtig, nämlich dass …“ dagegen schon.
  • Kryptische Kommentare im Manuskript vermeiden: „Bitte aktuelles JBC-Paper zitieren.“ ist unklar. Die exakten bibliographischen Angaben dagegen schon.

Übrigens: Für Kommentare sollte man die Kommentarfunktion von Word benutzen. Niemals sollte man Kommentare einfach in den Text schreiben. Und: Alle Änderungen im Text sollten stets nur mit der Option „Änderungen sichtbar“ durchgeführt werden.

Noch ein Tipp für den Empfänger der Kommentare, den Erstautor: Nicht persönlich nehmen. Wird ein „lieb gewonnener“ Satz, in den man viel Arbeit gesteckt har, von einem Koautoren gestrichen, dann ist das keinesfalls persönlich gemeint. Denken Sie an das Zitat des amerikanischen Schriftstellers William Faulkner: „In writing, you must kill all your darlings.“

Literaturarbeit am Manuskript

Ein absolutes No-Go ist das Ändern von Referenzen im Text „per Hand“, also indem man die Quellenangabe einfach in den Text schreibt, ohne dafür die Literaturverwaltungssoftware zu benutzen. Dies führt oft zu fehlerhaften Quellenangaben, weil diese Einträge meist unentdeckt bleiben und von der Software bei späteren Änderungen nicht berücksichtigt werden können.

Grundlegendes zum Manuskript: Initiale Absprachen der Autoren

Schließlich gibt es Dinge, die bereits vor Projektbeginn geregelt werden sollten, um spätere Diskussionen zu vermeiden:

  • Zieljournal: Legt man das zu Projektbeginn fest, werden spätere Änderungen des Umfangs und des Formats überflüssig.
  • Deadline: Nicht nur die Deadline zur Einreichung des Papers oder der Übersichtsarbeit sollte allen bekannt sein. Auch die wichtigsten Meilensteine, die Termine der geplanten Telefonkonferenzen oder Meetings.
  • Verantwortlichkeiten: Wer macht die Statistik, wer die Abbildungen? Klare Absprachen helfen, im Zeitplan zu bleiben.

Zusammenfassung

Berücksichtigen Sie diese Vorschläge und Sie werden sehen: Schreibprojekte wie Research Paper, Übersichtsarbeiten oder Forschungsanträge müssen nicht nervenaufreibend sein und in Chaos und Frust enden. Sie können Spaß machen.

  • Zieljournal, Deadline und Verantwortlichkeiten vor Projektbeginn festlegen.
  • Die Kommentarfunktion benutzen und Änderungen sichtbar lassen.
  • Zitate nur mithilfe der Literatursoftware ändern.
  • Positiv und konstruktiv kommentieren.
  • Änderungswünsche zumindest in obligat und optional kategorisieren.
Die gemeinsame Arbeit an einem Manuskript geschieht in vier Schritten.

Der erste Entwurf des Manuskripts wird den Koautoren vorgelegt (1), die diesen kommentieren (2). Der Erstautor fasst die Kommentare zusammen (3), sodass strittige Änderungswünsche gezielt besprochen werden können. So entsteht die finale Version des Manuskripts (4).

Grundlage für eine geschmeidige Zusammenarbeit mit den Koautoren ist übrigens der strukturierte Schreibprozess, beschrieben im »Paper-Protokoll«.

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