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Was macht die Wissenschaftssprache „wissenschaftlich“?

Im letzten Blogbeitrag ging es um den Stress beim wissenschaftlichen Schreiben – und zwar um die äußeren Stressoren Software, Doktorvater, Doktormutter etc. Heute geht es um DEN inneren Stressor, nämlich um die Frage: „Oh Gott, ist mein Text überhaupt ‚wissenschaftlich‘?“

Wer noch nie einen wissenschaftlichen Text verfasst hat und nun seine Doktorarbeit oder sein erstes Paper schreiben muss, steckt in einem Dilemma: Er oder sie weiß zwar, wie so ein wissenschaftlicher Text am Ende ‚klingen‘ muss, aber nicht wie man da hin kommt. Und so brüten die jungen Autoren und Autorinnen über ihren Formulierungen, schreiben, löschen, schreiben, löschen, stets mit dem inneren Zensor im Kopf, der sie auslacht und höhnt: „Das klingt ja alles gar nicht wissenschaftlich!“ Dieser innere Zensor, diese kleine fiese Stimme im Kopf – das ist der eigentliche Stressor beim wissenschaftlichen Schreiben (zum „inneren Zensor“ hatte ich mal einen Artikel in Forschung & LehrePublikationsliste).

Daher die Frage:

Was macht einen Text eigentlich „wissenschaftlich“?

Antwort: der wissenschaftliche Inhalt. Klingt simpel? Ist es auch, denn die Wissenschaftssprache ist keine Geheimsprache, die man lernen muss. Wissenschaftssprache ist im Grunde nichts anderes als die gewöhnliche Alltagssprache – nur eben mit einem sehr komplexen, präzisen wissenschaftlichen Inhalt. Das gilt für die Doktorarbeit wie für das Paper.

Der Grund, warum wissenschaftliches Schreiben so schwer fällt, liegt also zunächst nicht in den einzelnen Worten und Formulierungen, sondern an der Herausforderung, den komplizierten Inhalt verständlich zu machen. Und das schafft man nur, indem man den wissenschaftlichen Fakten eine didaktisch-sinnvolle Struktur gibt, sodass der Leser sein Wissen in überschaubaren Häppchen Schritt für Schritt erweitern kann.

Merke: Die größte Herausforderung beim wissenschaftlichen Schreiben ist zunächst nicht das Formulieren, sondern das Strukturieren.

Das ist übrigens der Grund, warum ich mich in meinen Scientific-Writing-Kursen sehr ausführlich mit der Gliederung beschäftige. Auch bei meinen eigenen Schreibprojekten gehört die Gliederung zu den zeitintensivsten Arbeitsschritten (hierzu hatte ich auch mal einen Artikel in Forschung & Lehre: „Strukturieren statt Formulieren“ [pdf-download])

„Ok“, werden Sie vielleicht sagen, „das leuchtet ein, aber:“

Was macht einen Satz „wissenschaftlich“?

Zunächst einmal ganz grundlegend: Einen Satz sollte man beim erstmaligen Lesen bereits verstehen können. Das gilt gerade auch für Wissenschaftstexte, für die Doktorarbeit, für das Paper. Egal, wie verquast vielleicht Ihr Professor schreibt oder wen auch immer Sie sich als Vorbild ausgesucht haben – das Motto ‚unverständlich = wissenschaftlich‘ gilt nicht mehr; es stammt aus dem letzten Jahrtausend.

Ein wissenschaftlicher Satz muss verständlich und darüber hinaus auch unmissverständlich sein.

„Wir legten eine Manschette um die Wade des Patienten und bliesen diese bis zum systolischen Blutdruck auf.“

Missverständlich: Wurde nun die Wade oder die Manschette aufgeblasen?

Merke: Einfache Sätze für komplizierte Informationen, dann klappt das auch mit dem Leser.

Und welche Worte sind nun „wissenschaftlich“?

An die Worte stellt die Wissenschaft drei bestimmte Ansprüche: präzise, einfach und notwendig.

  • Präzise: Um uns in einem Wissenschaftstext präzise ausdrücken zu können, benötigen wir Fachbegriffe. „Glomeruplonephritis“ ist genauer als „nierenkrank“.
  • Einfach: Da wir also Fachbegriffe unbedingt brauchen, sollte der Rest einfach sein, um den Leser nicht zu überfordern (plain language). Wenn wir also schon von Glomerulonephritiden, Mesangium und Kapillarknäul schreiben müssen, dann sollten wir auf Fremdwörter wie eruieren, konstatieren, elaborieren verzichten. Gerade die lateinischen Fremdwörter klingen unheimlich verstaubt.
  • Notwendig: Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Nur die Anfänger erliegen der Versuchung, ihren Text durch Füllwörter aufzublähen. Ein wissenschaftliches Wort muss immer etwas zur Information beitragen. Kann man es streichen, ohne etwas am Sinn zu ändern, sollte man es tun: zwingend notwendig, anschließend folgend, braucht notwendigerweise etc.
Merke: präzise, einfach, notwendig… mehr ist es nicht.

„Gut, gut“, sagen Sie jetzt vielleicht. „Aber für Wissenschaftstexte gibt es doch diese ganzen Regeln und Vorschriften:“

Was ist mit den Querverweisen, den Quellenangaben und dem ganzen formalen Kram?

Was soll damit sein? Es ist nichts, was Sie stressen sollte. Sie zitieren ordnungsgemäß alle fremden, publizierten Erkenntnisse, so wie es sich gehört, und benutzen dafür eine Literaturverwaltungssoftware. Fertig.

Alle Verweise im Text (Querverweise, Verweise auf Abbildungen und Tabellen) platzieren Sie konsequent zu der Information, zu der sie gehören. Fertig.

Für den formalen Kram besorgen Sie sich die Prüfungsordnung bzw. die Autorenhinweise des Fachjournals und erstellen sich daraus eine Check-Liste. Die arbeiten Sie dann Schritt für Schritt ab, solange, bis alles so ist, wie es Ihre Universität oder das Fachjournal haben möchte. Fertig. (Beispiel für eine Check-Liste)

Fazit

  • Fangen Sie nicht einfach an, drauf los zu schreiben, sondern lassen Sie sich Zeit mit Ihrer Gliederung. Je genauer Sie Ihren wissenschaftlichen Text planen, desto leichter fällt Ihnen das anschließende Schreiben.
  • Schreiben Sie kurze und klare Sätze aus Worten, die stets präzise, manchmal einfach und immer notwendig sein sollten.
  • Erstellen Sie sich eine Check-Liste für die formalen Anforderungen an Ihre Doktorarbeit oder Ihr Paper. Dann werden Sie nämlich sehen, dass es gar nicht so viele sind.
Das Paper-Protokoll schützt vor dem Stress beim wissenschaftlichen Schreiben

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Wie Sie den Schreibprozess geschickt planen, um nicht in die Schreib-Stress-Falle zu tappen, erfahren Sie im Paper-Protokoll.

Gut geplante Texte werden übrigens auch meistens zu gut lesbaren Texte. Es lohnt sich also, mit System vorzugehen…

… beim wissenschaftlichen Schreiben.

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