Forschen . schreiben . publizieren – Praxisnahe Bücher zum wissenschaftlichen Schreiben

Das Zielpublikum beim Scientific Writing

Fast jeder Schreibratgeber empfiehlt, vor Beginn eines Schreibprojektes seinen Leser kennenzulernen: Was weiß er oder sie? Was kann man voraussetzen? Bei der Unterscheidung Laienpublikum vs. Fachpublikum kann man diese Frage leicht beantworten. Doch auch das Fachpublikum ist keine homogene Gruppe – und auch hier ist es wichtig, zwischen Wissenschaftlern und Experten zu unterscheiden.

In der Introduction eines Research Papers muss man seinen Leser vorbereiten: auf die Fragestellung des Papers und die Ergebnisse. Die Relevanz des Forschungsprojektes muss verdeutlicht werden (z. B. die Schwere oder Häufigkeit einer Erkrankung) und die wichtigsten „Mitspieler“ sollten definiert werden. Die wichtigsten Mitspieler sind etwa Wirkstoffe, die eingesetzt, sowie Moleküle und sonstige Parameter, die analysiert wurden.

Unterscheidung Zielpublikum: Wissenschaftler und Experten

Angenommen, Sie haben in Ihrem Projekt an einer möglichen Beteiligung viraler Faktoren an der Entstehung der Multiplen Sclerosis (MS) gearbeitet. Wenn Sie Ihre Ergebnisse dann publizieren möchten, müssen Sie sich entscheiden: zwischen Journals, die sich etwa generell mit molekularen Zusammenhängen oder neurodegenerativen Erkrankungen im Allgemeinen beschäftigen, und Journals, die ausschließlich Paper zur Indikation MS publizieren. Das Zielpublikum ist dann entweder die Wissenschaftswelt im Allgemeinen (bzw. Neurologen) oder aber Experten auf dem Gebiet MS.

Das Zielpublikum einer wissenschaftlichen Publikation

Welche Konsequenzen hat die Wahl des Zielpublikums?

Welche konkreten Konsequenzen hat nun die Wahl des einen oder anderen Zielpublikums? Richten Sie Ihr Paper an die Wissenschaftswelt im allgemeinen, sollten Sie zuerst die Relevanz der Erkrankung MS verdeutlichen und dann außerdem die Erkrankung im ersten Absatz der Introduction in ihren Grundzügen kurz charakterisieren – im ersten Absatz der Introduction:

„MS is a demyelinating disease of the central nervous system …“; „… is characterized by inflammation, demyelination, lesion formation and axonal damage“; „relapsing-remitting MS and primary progressive MS …“.

Für den Experten, also den Leser einer Fachzeitschrift, die sich ausschließlich mit MS beschäftigt, wären diese Sätze nicht nur überflüssig. Sie wären fast eine Zumutung, da es für diese Zielgruppe wohlbekannte Grundlagen sind. Ok, im ersten Satz darf vielleicht noch etwas Allgemeines stehen wie etwa „most common disabling neurological disorder“. Aber spätestens der zweite Satz der Introduction muss sich dann auf den spezifischen Aspekt der Publikation fokussieren – also auf die mögliche Beteiligung viraler Faktoren. Eine weitere, grundlegende Beschreibung der Erkrankung an sich wäre jedoch fehl am Platz. Ganz ähnlich verhält es sich auch bei den anderen Kapiteln des Papers, vor allem in der Discussion.

Wie man das Zielpublikum eines wissenschaftlichen Papers auswählt.

Welche Konsequenzen hat die Wahl des Zielpublikums nicht?

Egal, ob man für Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen oder Spezialisten schreibt: Die Grundregeln der Kommunikation sowie die formalen Ansprüche an wissenschaftliche Texte gelten für beide Zielgruppen gleichermaßen.

So verbessern Maßnahmen, die Verständlichkeit eines Textes zu erhöhen, in beiden Gruppen, also bei den allgemeinen Wissenschaftlern und den Experten, die Informationsaufnahme:

  • Kurze und aktive Sätze
  • eine einfache Wortwahl (abgesehen von Fachbegriffen)
  • Platzierung wichtiger Botschaften an besonders exponierten Textpositionen (Topic Sentence, Beginn und Ende von Texteinheiten [Absatz, Abbildungslegende, Kapitel]).

Ebenso gelten alle formale Regeln. Besonders häufig wird in Experten-Journals das konsequente Einführen der Abkürzungen vernachlässigt. Man wähnt sich unter Profis und meint, grundsätzlich nichts mehr erklären zu können. Klar, wenn das Journal „Radiotherapy“ heißt, kann man sich erschließen, wofür die Abkürzung „RT“ steht. Doch wird diese Abkürzung nicht eingeführt, werden bestimmt jeweils 10 % der Leser die Abkürzung als „room temperature“ oder „reverse transcriptase“ verstehen. Diese Leser gehen dann womöglich verloren.

Fazit

Das Zielpublikum muss bei der inhaltlichen Ausrichtung eines Papers unbedingt berücksichtigt werden. Stilistische und formale Anforderungen gelten jedoch unabhängig vom Zielpublikum.

Mehr Infos und Anleitung zum Paper-Schreiben finden Sie hier im Blog oder im Paper-Protokoll. Viel Spaß beim Schreiben. Viel Erfolg beim Publizieren.

Das Paper-Protokoll hilft beim Schreiben Ihres ersten Papers.

Link amazon

Einen Kommentar schreiben

Ich benötige diese Daten, um Ihren Kommentar bearbeiten zu können. Bitte beachten Sie meine Datenschutzerklärung.

 
Link nach oben
 
 
 

Kontakt

Dr. rer. nat. Stefan Lang
Scientific-Medical Writer

Ringstraße 7
91080 Marloffstein

Tel.: +49 (0) 9131 6103 623
info@nullforschen-schreiben-publizieren.de

Ich benötige diese Daten, um Ihre Anfrage bearbeiten zu können. Bitte beachten Sie meine Datenschutzerklärung.