Forschen . schreiben . publizieren – Praxisnahe Bücher zum wissenschaftlichen Schreiben

Scientific Misconduct (1): Anzeichen und Maßnahmen

Wenn wissenschaftliche Daten verfälscht oder erfunden werden, geht es uns alle an: Forschungsmittel werden verschwendet, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft leidet, Patienten erhalten vielleicht sogar eine unzureichende oder falsche Behandlung. Stellen Sie sich vor, Sie sind Co-Autor eines Papers, das – ohne ihr Wissen – gefälschte Daten enthält. Ihre Karriere könnte nachhaltig Schaden nehmen.

Fabrikation, Falsifikation und Plagiarismus: Wissenschaftliches Fehlverhalten kann Ihrer Karriere als Wissenschaftler oder Wissenschaftlerin schaden, auch wenn Sie selbst nichts falsch gemacht haben. Es genügt schon, dass sie Co-Autor einer Publikation sind, die wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens wieder zurückgenommen werden muss. Eine solche Retraction ist gar nicht mal so selten ist, ihre Zahl nimmt sogar zu. Das haben die Autoren Steen et al. in ihrem Artikel „Why Has the Number of Scientific Retractions Increased?” gezeigt (Plosone-Link [1]).

Doch wie erkennt man als Co-Autor die Anzeichen eines möglichen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, wie geht man mit seinen Verdacht um und was können Vorgesetzte, Arbeitsgruppenleiter und Professoren, tun, um wissenschaftliches Fehlverhalten zu unterbinden?

Misconduct – mögliche Anzeichen

Daten wurden zu schnell generiert, sind zu schön, um wahr zu sein, oder lassen sich nie mehr reproduzieren – alles Anzeichen einer möglichen Manipulation.

Zeichen für Scientific Misconduct: Ergebnisse werden zu schnell und übernacht generiert.Der Zeitfaktor: Tauchen brauchbare neue Daten immer dann auf, wenn man sie ganz dringend benötigt? Wenn ein Forschungsantrag unbedingt fertiggestellt werden muss oder die Deadline zur Einreichung eines Kongress-Abstracts unmittelbar bevorsteht? Oder werden Experimente sehr viel schneller abgeschlossen, als das eigentlich möglich wäre? Ist der Western Blot mit den induzierten Zellen plötzlich über Nacht fertig, obwohl doch die Induktion schon vier Stunden dauert? Und überhaupt: Arbeitet derjenige vorwiegend dann, wenn sonst keiner im Labor ist?

Zeichen für Scientific Misconduct: Niemand hat bisher die Rohdaten gesehen.Die Ergebnisse: Sind die Daten eigentlich zu schön, um wahr zu sein, können aber von niemandem sonst aus dem Labor reproduziert werden? Was ist mit dem Rohmaterial? Hat jemand schon einmal die Rohdaten gesehen, die Originalprotokolle, das Laborbuch? Oder ist das alles irgendwie geheim?

Klar – Beweise sind das nicht. Aber der Verdacht drängt sich schon auf, dass hier etwas nicht stimmt. Wie also soll man mit seinen Verdacht umgehen?

Misconduct – was tun, wenn man ein Verdacht hat?

Es ist nicht immer sinnvoll, den Betroffenen gleich direkt mit seinem Verdacht zu konfrontieren. Zunächst einmal sollte man Details schriftlich festhalten, sich Notizen machen, die gesamte Kommunikation bezüglich des möglichen Fehlverhaltens dokumentieren.

Informieren Sie sich bei Ihrer Universität: An welche Stelle können Sie sich wenden? Wer sind die Vertrauenspersonen? Vertrauenspersonen sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Sie beraten Sie und prüfen Ihren Verdacht auf Plausibilität. In jedem Fall sollten Sie sich Unterstützung suchen.

Misconduct – was Vorgesetzte tun können

  1. Sich im Vorfeld damit auseinandersetzen: Vorgesetzte sollten sich im Vorfeld informieren, was im Falle eines Misconduct zu tun ist, wer die Vertrauenspersonen sind, welche Schritte eingeleitet werden müssen. In den Teambesprechungen sollten sie die Problematik des wissenschaftlichen Fehlverhaltens offen ansprechen: Erklären Sie, was Fehlverhalten bedeutet und welche Konsequenzen es hat – für die Gemeinschaft und den Einzelnen.
  2. Transparenz verlangen: Vorgesetzte sollten Vorbild sein und keine „Privatforschung“ dulden – und schon gar nicht selbst betreiben. Transparenz ist wichtig. Jeder aus dem Team sollte involviert bleiben.
  3. Rohdaten sichten: Vorgesetzte sollten sich die Zeit nehmen, Rohdaten zu sichten – nicht nur die gepimpten Hochglanz-Präsentationen des Montagmorgen-Seminars. Rohdaten und Originalaufnahmen statt animierter Power-Point-Präsentationen.

Vor allem sollten Vorgesetzte ihren Leuten eines klarmachen:

Misconduct beginnt nicht erst bei der Manipulation von Daten, die für ein peer-reviewed Research Paper vorgesehen sind. Misconduct beginnt bereits bei der Manipulation von Ergebnissen, die auf einem Kongress, in einem Abstract oder eben während des Montagmorgen-Seminars gezeigt werden sollen.

Die Misconduct-Reihe im Scientific-Writing-Blog:

[1] Steen RG, Casadevall A, Fang FC (2013) Why Has the Number of Scientific Retractions Increased? PLoS ONE 8(7): e68397. doi:10.1371/journal.pone.0068397

Einen Kommentar schreiben

 
Link nach oben